Afrikas olympische Premiere: Dakar startet auf Kredit
Dakar eröffnet Ende Oktober die ersten Olympischen Jugendspiele in Afrika. Die kostspielige Premiere trifft den Senegal mitten in einer Schuldenkrise.
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Auf der Place du Souvenir Africain in Dakar steigt derCountdown für eine Premiere: Der Marsch von 100 Frauen hatte Mitte September den Beginn der Olympischen Jugendspiele eingeläutet. Später trug die senegalesische Basketballlegende Mame Maty Mbengue die Fackel zur olympischen Feuerschale. Zwischen dem 31. Oktober und 13. November treten in Dakar, Diamniadio und Saly rund 2.700 junge Athletinnen und Athleten in 35 Sportarten beziehungsweise Sportprogrammen gegeneinander an.
Die Olympischen Jugendspiele sind die kleinere Variante der Olympischen Spiele. Teilnehmen können Sportlerinnen und Sportler zwischen 15 und 18 Jahren. Es ist die erste olympische Sportveranstaltung in Afrika. Damit erhält der Senegal ein sportliches Großereignis, das zugleich unter extremen finanziellen Bedingungen vorbereitet wird.
194 Millionen Euro treffen auf eine Schuldenkrise
Organisation und Durchführung
Für die Organisation und Durchführung der Jugendspiele sind laut Sportschau umgerechnet rund 55 Millionen Euro veranschlagt. Weitere mindestens 139 Millionen Euro sind für Sportstätten und andere Infrastruktur vorgesehen. Damit liegt die vorläufige Rechnung für Dakar 2026 bei mindestens 194 Millionen Euro. Wie hoch die endgültige Summe ausfällt, ist noch offen.
Ein großer Teil dieser Kosten wird vom senegalesischen Staat getragen. Elimane Haby Kane, Soziologe und Leiter des panafrikanischen Thinktanks LEGS-Africa, beschreibt die Belastung so: Senegal trage einen großen Teil der Kosten aus dem eigenen Haushalt. Für die Regierung sei es schwierig, dieses Geld aufzubringen und zugleich die übrigen Ausgaben des Landes zu finanzieren.
Warum die Schulden den Spielen wenig Spielraum lassen
Zwischen 2019 und 2024 hatte die damalige Regierung Schulden in Milliardenhöhe nicht korrekt ausgewiesen. Daraufhin setzte der Internationale Währungsfonds sein Kreditprogramm aus. Ende 2024 lag die Schuldenquote plötzlich bei 132 Prozent des Bruttoinlandprodukts.
Der Senegal kann die finanzielle Enge nicht durch Gelddrucken abmildern. Das Land besitzt keine eigene nationale Währung, sondern nutzt den CFA-Franc, den die westafrikanische Zentralbank ausgibt und fest an den Euro bindet. Schulden müssen in Euro oder Dollar zurückgezahlt werden. Mit dem Währungsfonds gibt es zwar eine vorläufige Einigung über neue Hilfen, gezahlt wurde bislang jedoch nichts.
80 Millionen Euro kommen als rückzahlbarer Kredit
Die Rolle der französischen Entwicklungsagentur
Fest steht: 80 Millionen Euro für die Sportinfrastruktur stellt die französische Entwicklungsagentur AFD bereit. Die AFD gewährt dieses Geld als Kredit. Senegal muss den Betrag vollständig zurückzahlen, zuzüglich Zinsen. Ein nicht rückzahlbarer Zuschuss ist es nicht.
Wie hoch die Zinsen sind und bis wann Senegal tilgen muss, teilt die AFD unter Berufung auf das Bankgeheimnis nicht mit. Die Konstruktion ist eindeutig: Das Land erhält das Geld für die Veranstaltung, trägt aber die spätere Schuldenlast selbst.
Internationale Aufträge, lokale Folgen
Ein Teil der großen Infrastrukturaufträge ging an internationale Konzerne. Der chinesische Staatskonzern CCECC erhielt den Auftrag für den Umbau des Sportkomplexes Iba Mar Diop. Sogea-Satom, eine Tochter des französischen Vinci-Konzerns, renoviert die nationale Schwimmhalle. Weitere Aufträge gingen an ein senegalesisch-französisches Konsortium und an die senegalesische Baufirma CSE.
Wie viel der Auftragssummen tatsächlich im Senegal bleibt und wie viele Arbeitsplätze vor Ort entstehen, ist nicht bekannt. Kane warnt vor einem Geldabfluss ins Ausland, während einheimische Unternehmen kaum profitierten. Budzier räumt allerdings ein, dass bei den nicht-chinesischen Projekten ein Teil des Geldes in lokale Arbeit fließt. Von den Chinesen würden Bauarbeiter jedoch eingeflogen oder mit dem Schiff herangebracht.
Das IOC sieht bei Olympia-Kosten ein bekanntes Muster
Alexander Budzier ist Mitautor der Oxford Olympics Study. Mit seinem Team untersuchte er seit 1960 die Kostenentwicklung olympischer Sommer- und Winterspiele. Sämtliche untersuchten Spiele wurden demnach teurer als geplant.
Die Jugendspiele sind zwar erheblich kleiner, ihre absoluten Kosten deshalb nicht mit den Olympischen Spielen vergleichbar. Nach Budziers Einschätzung zeigt sich in Dakar jedoch dasselbe finanzielle Muster: Die ursprünglich veranschlagten Kosten steigen während der Vorbereitung deutlich.
Für große Olympia-Events nennt er eine fast Verdreifachung der Kosten, beziffert den Anstieg auf 250 Prozent. Diese Zahl bestätigt das IOC nicht. Fragen zu Ausgaben, Einnahmen, späteren Betriebskosten und zum finanziellen Risiko für Senegal blieb das IOC unbeantwortet. Die endgültige Summe soll laut IOC erst im Jahresbericht 2026 veröffentlicht werden. Auch das senegalesische Sportministerium reagierte nicht auf Anfragen von Sportschau.
Mehr als 960.000 Tickets sind im Angebot
Das Preisniveau und die Ticketzahlen
Für Dakar 2026 wurden mehr als 960.000 Tickets angeboten. Wie viele davon bereits verkauft sind, veröffentlichen die Organisatoren nicht. 300.000 Karten wurden im Rahmen eines Solidaritätsprogramms für Jugendliche, Schulen, Vereine und Verbände reserviert.
Tickets für einzelne Wettbewerbe kosten umgerechnet ab 1,50 Euro, Tagespässe gibt es ab 2,30 Euro. Die niedrigen Preise sollen den Zugang erleichtern. Eine Zahl zum tatsächlichen Ticketverkauf gibt es allerdings nicht.
Die Hoffnungen der afrikanischen Bevölkerung
Kane verweist auf konkrete Erwartungen im Senegal: Die Menschen hoffen auf mehr Sichtbarkeit für das Land, positive Folgen für den Tourismus und eine Mobilisierung der Jugend. Diese Erwartungen bilden das stärkste Gegenargument zur Warnung vor einer wirtschaftlich kaum profitablen Großveranstaltung.
Die ökonomische Einordnung fällt deutlich skeptischer aus. Der US-amerikanische Sportökonom Andrew Zimbalis, der seit Jahrzehnten die wirtschaftlichen Folgen olympischer Spiele untersucht, sagt: Unabhängige Ökonomen seien sich nahezu einig, dass die Ausrichtung olympischer Spiele der Wirtschaft keinen Gewinn bringe und häufig sogar ein Verlustgeschäft sei. Dass einzelne Personen oder Unternehmen profitieren, bedeutet nicht automatisch, dass die gesamte Wirtschaft davon profitiert.
Zwischen IOC-Versprechen und dem Alltag der Athleten
Neue Anlagen und ihre Versprechen
Das IOC wirbt mit neuen Sportstätten und besseren Bedingungen für den senegalesischen Sportnachwachs. In einem Imagefilm rollen junge Skateboarderinnen und Skateboarder durch eine neue, bunte Bowl, die für die Olympischen Jugendspiele im Heimatland gezeigt wird.
Eine im Juli veröffentlichte Recherche des afrikanischen Sportportals Sport News Africa zeichnet ein deutlich anderes Bild. Mehrere Athletinnen und Athleten berichten von fehlender Ausrüstung, selbst bezahlten Trainingslagern und ausstehenden Prämien. Der Judoka Mbagnick N'Diaye, Afrikameister von 2023 und Teilnehmer der Olympischen Spiele in Paris, wartet bis heute auf die Prämie für seinen Titel. Die Kanutin Combe Seck berichtet, Reisen und Ausrüstung selbst finanzieren zu müssen.
Was nach der Schlusszeremonie bleibt
IOC und Organisatoren versprechen ein dauerhaftes Erbe für Senegal. Die Kosten sollten niedrig bleiben, weil überwiegend vorhandene Sportstätten genutzt und modernisiert werden. In der ursprünglichen Planung waren Neubauten kaum vorgesehen. Gebaut wurde am Ende doch.
Nach den Spielen müssen die Anlagen weiter betrieben, gepflegt und mit Trainingsprogrammen gefüllt werden. Das kostet dauerhaft Geld. Budzier verweist auf Rio de Janeiro, wo nach den Olympischen Spielen Mittel fehlten, um Teile des versprochenen Erbes umzusetzen. Für die Nutzung von Wettkampfstätten seien Subventionen und Zuschüsse nötig. Wenn einem Staat das Geld ausgehe, werde das schwierig.
Damit entscheidet sich die Bilanz von Dakar nicht mit dem Ende der Olympischen Jugendspiele. Danach bleiben Sportstätten, Betriebskosten und Kredite zurück. Genau dort liegt die offene Rechnung der afrikanischen Olympia-Premiere.
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